Schulsozialarbeit braucht Zukunft – damit Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird

Mit dem Beginn des neuen Schuljahres kehrt wieder Leben in die Schulen zurück. Für einige Kinder ist alles neu: der erste Schultag, neue Klassenkamerad*innen, neue Räume und neue Lehrer*innen. Andere wechseln auf eine weiterführende Schule und müssen sich ebenfalls erst orientieren.
Auch für die Schulsozialarbeiter*innen beginnt damit ein neues Schuljahr. Sie stellen sich in den Klassen vor, sind Ansprechpartner*innen für Eltern, Lehrkräfte sowie Schulleitung und bauen Beziehungen zu den Schüler*innen auf.
Für Sabine Knabe, Daniela Berger und Jochen Böhme gehört das zu ihrem Arbeitsalltag. Alle drei sind als Schulsozialarbeitende in Dessau-Roßlau tätig und bei der St. Johannis GmbH beschäftigt. Gleichzeitig starten sie in dieses Schuljahr mit einer Sorge, die weit über den nächsten Schultag hinausgeht: Wie lange wird es Schulsozialarbeit in ihrer heutigen Form noch geben?
Schulsozialarbeit sichert Chancen und Schulerfolg
Der Hintergrund ist die aktuelle Finanzierung der Schulsozialarbeit. Seit 2008 setzt Sachsen-Anhalt dies mit Hilfe des ESF+ finanzierte Förderprogramm „Schulerfolg sichern“ um. Das Programm dient dazu, ein hohes Niveau der allgemeinen Bildung für alle Kinder und Jugendlichen zu sichern. Die Förderung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds läuft zum 31. Juli 2028 aus. Was danach kommt, ist derzeit offen.
„Dann kann es sein, dass es hier keine Schulsozialarbeit mehr gibt“, sagt Daniela Berger.
Dabei ist Schulsozialarbeit längst kein Angebot für sogenannte Brennpunktschulen mehr. In Dessau-Roßlau gibt es an jeder Schulform Schulsozialarbeit – auch berufsbildende Schulen profitieren hiervon.
Dass es diese Fachkräfte an so vielen unterschiedlichen Schulen braucht, hat einen einfachen Grund: Probleme und Krisen machen nicht vor bestimmten Schulformen oder Stadtteilen Halt. Streitigkeiten, Mobbing, Gewalt, Kriminalität, Sucht, Essstörungen, Selbstverletzung, Schulverweigerung, familiäre Trennungen oder auch Missbrauch können Kinder und Jugendliche treffen – unabhängig davon, welche Schule sie besuchen.

Die Schulsozialarbeit setzt dabei sowohl präventiv als auch unmittelbar unterstützend an. Sie bietet beispielsweise Streitschlichtungs-AGs an, begleitet Kinder und Jugendliche bei Problemen und Konflikten, hilft in akuten Not- und Krisensituationen und vermittelt bei Bedarf weitere Hilfen.
Das Ziel ist immer dasselbe: Kinder und Jugendliche sollen Unterstützung bekommen, bevor sich Schwierigkeiten verfestigen und ihre Entwicklung oder ihren schulischen Weg gefährden. „Wir versuchen, den Schüler*innen die Last ihrer Probleme zu nehmen, damit sie am Schulalltag teilnehmen können“, beschreibt Jochen Böhme den Ansatz.
Manchmal braucht es nur ein Gespräch
Dabei müssen es nicht immer große oder dramatische Probleme sein. „Das können ganz alltägliche, banale Dinge sein“, erzählt Sabine Knabe. Zum Beispiel, dass es zu Hause Streitigkeiten gibt und dann die Schulkinder morgens erstmal ein Gespräch brauchen, um dies zu verarbeiten und anschließend gestärkt ihren Schulalltag beginnen können.
Genau darin liegt eine wichtige Stärke der Schulsozialarbeit: Sie bietet Kindern und Jugendlichen einen niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützung. Sie können sich mit ihren Sorgen an eine vertraute Person wenden, ohne dass daraus sofort ein formelles Verfahren entstehen muss.
Manchmal bleibt es bei einem Gespräch. Manchmal ist deutlich mehr Unterstützung notwendig.
Eine Schulsozialarbeiterin erinnert sich beispielsweise an einen Fall, der bereits einige Jahre zurückliegt. Nach einer Präventionsveranstaltung zum Thema Missbrauch vertraute sich ein Kind ihr an. Gemeinsam mit dem Kind suchte sie Unterstützung und leitete weitere Hilfen ein. Zum Schutz des Kindes kam es zu einer Inobhutnahme und Fremdunterbringung.
Solche Situationen zeigen, wie wichtig es ist, dass Fachkräfte an Schulen präsent und für Kinder erreichbar sind.
Schulsozialarbeit kann nicht einfach nebenbei übernommen werden
„Könnten diese Aufgaben nicht auch von Lehrkräften übernommen werden?“ – ist eine Frage, die sehr häufig gestellt wird. „Die Schulsozialarbeit zeigt Erfolg und langfristig Wirkung.“ sagt Silvana Moll, Bereichsleiterin bei der St. Johannis GmbH. Und fragt in die Runde: „Wer soll es sonst machen?“
Damit sei keineswegs gemeint, dass Lehrkräfte sich nicht für die Sorgen ihrer Schüler*innen interessieren. Im Gegenteil: Auch sie erleben täglich, mit welchen persönlichen und familiären Herausforderungen Kinder und Jugendliche in die Schule kommen. Doch Lehrkräfte haben andere Aufgaben; sie unterrichten und vermitteln Wissen. Im Schulalltag verfügen Lehrkräfte oftmals nicht über die notwendigen zeitlichen Ressourcen, um sich intensiv mit einzelnen Problemlagen auseinanderzusetzen.

„Lehrer*innen können in großen Klassen nicht einfach Kinder und Jugendliche zur Seite nehmen, um mit ihnen über ihre Probleme zu sprechen“, sagt Sabine Knabe. Hinzu kommt das spezifische Fachwissen der Schulsozialarbeit sowie ein über Jahre gewachsenes Netzwerk zu Beratungsstellen, Therapieangeboten, zum hiesigen Jugendamt und weiteren Unterstützungssystemen. Sozialpädagogische Angebote werden ebenso durch die Fachkräfte angeboten sowie unterstützend eingesetzt.
„Das Netzwerk, das wir mitbringen, darf man nicht unterschätzen“, betont Daniela Berger.
Schulsozialarbeit ist damit kein Ersatz für Schule, sondern eine wichtige Ergänzung und Schnittstelle zwischen Schule, Familie, Jugendhilfe und weiteren Unterstützungsangeboten.
Der Bedarf wird nicht geringer
Gleichzeitig erleben die Fachkräfte, dass die Anzahl und Komplexität der Fälle zunehmen.
Die Gründe dafür sieht Silvana Moll in den vielfältigen individuellen und gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen Kinder, Jugendliche und Familien heute konfrontiert sind: eine schnelllebige Zeit, in der u. a. Digitalisierung und Globalisierung, die Nachwirkungen der Corona-Pandemie sowie Kriege und Krisen unseren Alltag bestimmen. Die Schüler*innen wachsen unter diesen Bedingungen auf und müssen hier zurechtkommen.
Gerade vor diesem Hintergrund ist die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen eine zentrale Aufgabe und aus Sicht der Fachkräfte entscheidend, dass Schulsozialarbeit langfristig gesichert wird. Die Bedeutung der Schulsozialarbeit und ihre ungewisse Zukunft waren auch Thema eines Interviews mit der Mitteldeutschen Zeitung im August 2026.
2028 ist näher, als es scheint
Für Daniela Berger überschattet die ungeklärte Zukunft inzwischen auch den Start in das neue Schuljahr. Während viele Schülerinnen und Schüler mit Vorfreude oder Aufregung auf das neue Schuljahr blicken, verbindet sich für sie damit auch die Frage nach der eigenen beruflichen Zukunft. Gern würde sie noch viele Jahre an ihrer Schule arbeiten. Doch ob das möglich sein wird, hängt von politischen Entscheidungen und der zukünftigen Finanzierung der Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt ab.
Die Landtagswahl im September 2026 wird dabei ein wichtiger politischer Zeitpunkt sein, an dem auch die zukünftige Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe und damit die Rahmenbedingungen für Schulsozialarbeit mitbestimmt werden.
Denn hinter der Frage nach Förderprogrammen, Stellen und deren Finanzierungen stehen letztlich nicht nur abstrakte Zahlen. Es geht um Kinder und Jugendliche, die jemanden brauchen, der zuhört. Um Schülerinnen und Schüler, die Unterstützung benötigen, damit sie trotz schwieriger Lebenssituationen ihren Schulalltag bewältigen können.
Und um Fachkräfte, die genau dafür jeden Tag da sind – um Schulerfolg zu sichern!
Schulsozialarbeit braucht deshalb nicht nur eine Finanzierung bis zum 31.07.2028. Sie braucht eine verlässliche und zukunftsorientierte Perspektive darüber hinaus.



