Gemeinsam Kinderrechte stärken: Fachtag des Fachzentrums für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt widmete sich Schutzkonzepten in Pflegefamilien

Beteiligung, Schutz und Beschwerde sind keine zusätzlichen Aufgaben in der Pflegekinderhilfe – sie sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass Pflegekinder sicher aufwachsen können. Unter diesem Leitgedanken kamen am 1. Juli 2026 Fachkräfte der Pflegekinderdienste aus Sachsen-Anhalt, Pflegeeltern sowie weitere Akteur*innen des Kinderschutzes im Festsaal der Stiftung Evangelische Jugendhilfe in Bernburg zum diesjährigen Fachtag des Fachzentrums für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kinderrechteschutzkonzepte praxisnah und alltagstauglich in Pflegefamilien umgesetzt werden können.
Schutzkonzepte zwischen Theorie und gelebtem Familienalltag
In ihrer Begrüßung machte Heliane Schnelle, Leiterin des Fachzentrums, deutlich, dass die gesetzliche Verpflichtung zur Entwicklung von Schutzkonzepten zwar eindeutig ist, die praktische Umsetzung in Pflegefamilien jedoch besondere Herausforderungen mit sich bringt. Pflegefamilien seien keine Einrichtungen, sondern Familien – deshalb brauche es Schutzkonzepte, die Kinderrechte stärken, ohne Vertrauen und Bindung zu gefährden. Ziel sei es, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Alltag von Pflegekinderdiensten und Pflegefamilien zu übersetzen.
Beteiligung beginnt mit Sicherheit
Den fachlichen Einstieg gestaltete Susann Michael vom Fachzentrum für Pflegekinderwesen. Sie zeigte auf, dass Beteiligung weit mehr bedeutet als Mitbestimmung. Pflegekinder können ihre Rechte nur dann wahrnehmen, wenn sie sich sicher fühlen, Vertrauen entwickeln und erleben, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen. Selbstwirksamkeit, Beteiligung und Schutz bauen aufeinander auf und bilden die Grundlage für eine gesunde Entwicklung.

Macht erkennen, Kinderrechte stärken
Im anschließenden Fachvortrag beleuchtete Theresia Augsten-Thoms, Abteilungsleiterin der Besonderen Sozialen Dienste des Jugendamtes des Landkreises Wittenberg, die Rolle von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen in der Pflegekinderhilfe. Anhand praxisnaher Beispiele wurde deutlich, dass Macht in der Pflegekinderhilfe unvermeidbar ist – entscheidend ist jedoch ein bewusster und reflektierter Umgang damit. Fachkräfte, Pflegeeltern und Institutionen tragen Verantwortung dafür, Beteiligung zu ermöglichen, Beschwerden ernst zu nehmen und Kinderrechte im Alltag aktiv zu schützen.
Gemeinsam Lösungen entwickeln
Ein weiterer Höhepunkt des Fachtages war die Diskussionsrunde mit Vertreter*innen aus Praxis und Wissenschaft. Gemeinsam wurden Möglichkeiten erörtert, wie Beteiligung und Schutz im Alltag gelingen und Beschwerderechte wirksam umgesetzt werden können. Dabei standen unterschiedliche Perspektiven aus Pflegefamilien, Jugendämtern und der Care-Leaver-Arbeit im Mittelpunkt.
Am Nachmittag arbeiteten die Teilnehmenden im World Café an vier Thementischen. Im Fokus standen praxisnahe Methoden zur Vermittlung von Kinderrechten für verschiedene Altersgruppen, die Zusammenarbeit mit Pflegeeltern sowie die Gestaltung von Vertrauenspersonen und Beschwerdewegen. Durch den kontinuierlichen Austausch entstanden zahlreiche Ideen und Best-Practice-Ansätze, die künftig die Arbeit der Pflegekinderdienste bereichern sollen.
Neue Broschüre stärkt Kinderrechte
Ein besonderer Moment des Fachtages war die Vorstellung der neuen Broschüre „Luca – Deine Rechte als Pflegekind“, die vom Fachzentrum für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt landesspezifisch adaptiert wurde. Die liebevoll illustrierte Broschüre erklärt Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren altersgerecht ihre wichtigsten Rechte – unter anderem das Recht auf Schutz, Beteiligung, Privatsphäre, Bildung und den eigenen Körper. Sie soll Pflegekindern, Pflegeeltern und Fachkräften künftig als niedrigschwellige Gesprächsgrundlage dienen und Kinder dabei unterstützen, ihre Rechte besser zu verstehen.
Impulse für die Praxis
Zum Abschluss des Fachtages wurden die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen vorgestellt und gemeinsam reflektiert. Deutlich wurde: Kinderrechte brauchen nicht nur gesetzliche Grundlagen, sondern vor allem Menschen, die sie im Alltag mit Leben füllen. Der intensive fachliche Austausch, die unterschiedlichen Perspektiven und die zahlreichen Praxisimpulse machten den Fachtag zu einer wertvollen Plattform für die Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe in Sachsen-Anhalt.
Das Fachzentrum für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt der Stiftung Evangelische Jugendhilfe begleitet Pflegefamilien und Fachkräfte mit Qualifizierungen, Fortbildungen, Beratung und fachlichem Austausch. Ziel ist es, die Qualität der Pflegekinderhilfe nachhaltig zu stärken und Kindern, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen können, ein sicheres, liebevolles und entwicklungsförderndes Zuhause zu ermöglichen.





